5. Juni 2016

Harfner stimmen immer – Der Harfenist Viktor Hartobanu zu Besuch bei den 6. Klassen

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Als unsere Klassenlehrerin, Frau Hilgenhof, ankündigte, dass ein Harfenist zu uns in die Schule kommen würde, um uns sein Instrument vorzustellen, schien vermutlich nicht nur mir die Kombination von Mann und Harfe, sagen wir, bemerkenswert. Inzwischen habe ich das Klischeebild von den blond gelockten, Harfe spielenden Wesen korrigiert. Google zeigt sie mit jeglicher Haarfarbe und Frisur. Nur Bärte tragen sie in aller Regel tatsächlich nicht. Als Viktor Hartobanu seine Konzertharfe zur Tür herein manövrierte, wurde ein allerdings nicht unerheblicher Vorteil männlicher Spieler gegenüber ihren zarteren Kolleginnen deutlich: Für den Transport sind sie körperlich einfach qualifizierter.

Jedenfalls begrüßte uns Herr Hartobanu trotz der herbugsierten Last mit enthusiastischer Frische. Er stellte sich als ehemaliger Liborianer vor, der seine hier verbrachte Schulzeit, mit dem Abstand eines inzwischen 26-Jährigen, in guter Erinnerung habe. Im Alter von acht Jahren begann er, dem Vorbild seiner Mutter folgend, mit dem Harfespiel. Diese hatte sich gerade ein neues Instrument gekauft, dessen Saiten er fasziniert erkundete. Wahrscheinlich sah er dabei so süß aus, mutmaßt Herr Hartobanu, dass sie es ihm überließ. Heute begleitet ihn die Harfe auf seinen Konzertreisen mit namhaften Orchestern oder als Solist. Darüber hinaus unterrichtet er an der Coswiger Musikschule, deren Schüler er selbst einst war.

Im Folgenden erfuhren wir viel über Geschichte, Mechanik, Bau- und Spielweise der Harfe. Das mag nach dem Langeweile verursachenden Programmpunkt klingen. Die aber konnte bei so viel Begeisterung, mit der Herr Hartobanu erzählte, uns mitgebrachte Abbildungen und Videos präsentierte, nicht aufkommen. Und in der Tat verfügt die Harfe, eines der ältesten Instrumente der Menschheit, nicht nur über eine lange, sondern auch durchaus interessante Geschichte und Entwicklung. Schon altägyptische Darstellungen zeigen sie, die auf ihre Rolle im Königs- und Tempelkult verweisen. In Europa wurde sie erst im Mittelalter durch irische Musiker bekannt. Noch heute schmückt eine keltische Harfe das Wappen der Iren, in deren Folkmusik sie allerdings nur noch selten zum Einsatz kommt. Im Laufe der Jahrhunderte entstanden Harfen in verschiedenen Formen und Größen, immer kunstvoll und filigran gearbeitet.

Ein bedeutender Schritt in der Entwicklung zum heutigen Konzertinstrument wurde 1710 mit dem Bau der Einfachpedalharfe getan. Ihm folgte die erste Komposition eines Harfenkonzertes durch Georg Friedrich Händel. Herr Hartobanu ließ uns nicht länger warten und griff in die Saiten, um dessen ersten Satz erklingen zu lassen. Erwähnung fand Mozarts Doppelkonzert für Harfe und Flöte, das sein einziges Werk bleiben sollte, bei der eine Harfe besetzt ist. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts, im Zeitalter der Romantik, konnte sich die Doppelpedalharfe, mit der man als erster alle Töne spielen konnte, endgültig als Konzertinstrument etablieren. Den Kompositionen dieser Zeit gilt Herrn Hartobanus spezielle Vorliebe.

Mit der Darbietung eines romantischen Stückes, das ihm besonders am Herzen liegt, setzte er denn auch den Höhepunkt dieser Veranstaltung. Als Entrée gab es noch eine Anekdote: Louis Spohr, Komponist und Geiger, ein Mann von riesenhafter Größe, hatte sich in die Harfenvirtuosin Dorette Scheidler verliebt. Mit einer Sonate für Harfe und Violine, die sie gemeinsam aufführten, schuf er die Gelegenheit zu näherem Kennenlernen, dem ein Heiratsantrag folgte. Seiner Annahme verdanken wir wohl weitere der Harfe gewidmete Werke. Darunter eine Fantasie für Soloharfe in c-moll, die Herr Hartobanu in beeindruckender Weise vortrug.

Abschließend nutzten wir noch die Möglichkeit, unsere Fragen loszuwerden. Dabei räumte Herr Hartobanu auch eine unangenehme Seite seiner Begleiterin ein: Sie leidet unter starken Stimmungsschwankungen, die regelmäßig mit erheblichem Zeitaufwand ausgeglichen werden müssen. "Harfner stimmen immer, Harfen stimmen nie", lautet denn auch eine Variante des Klassikers unter den Harfnerwitzen.

Bei meiner Internetrecherche entdeckte ich Herrn Hartobanus Youtube-Channel "Opera Et Labora" ("Wirke und arbeite"). Seit 2014 lädt er dort regelmäßig neue Videos hoch, in denen er Werke für Harfe präsentiert und in (teilweise sogar mir) verständlichem Englisch kommentiert. Eine Reihe "historischer" Aufnahmen zeigt zum Beispiel wie niedlich er als Steppke hinter der Harfe tatsächlich war. Aber auch sein erstaunliches Talent als Pianist, das sogar Anerkennung mit einem Preis beim Bundeswettbewerb "Jugend musiziert" fand. Mit seinen künstlerischen Darbietungen empfiehlt sich Herr Hartobanu selbst. Bleibt mir schließlich nur, Dank zu sagen für eine Schulstunde, die wir musterschülerhaft in Erinnerung behalten werden.

5. Juni 2016, Wieland Wirth und Nicola Pizula, Klasse 6a